Arbeitskreis am 11. Mai 2019 - Ortsmitte Steinheim

Mit einem Arbeitstreffen setzten etwa 50 Bürger*innen, Mitarbeiter*innen und Planer*innen am Vormittag des 11. Mai 2019 die Steinheimtage im Gemeindehausfort. Geladen waren insbesondere die Eigentümer*innen der unmittelbar zentralgelegenen Grundstücke, Nutzer*innen der dortigen Läden, Schlüsselpersonen des Gemeindelebens und Personen, die im Rahmen der Bürgerumfrage Interesse an einer aktiven Mitarbeit bekundet hatten. Uwe Weißfloch, Leiter der Stadtplanungsamtes, begrüßte die Anwesenden. Die Moderation oblag Prof. Stefan Rettich vom Team KARO*.

Für über 90 Prozent der Steinheimer*innen gehört eine lebendige attraktive Ortsmitte zu den Zielen, deren Erreichen bis zum Jahr 2030 unbedingt anzustreben bzw. wünschenswert ist. Anliegen des Arbeitstreffens war es, anhand von ersten Überlegungen des Planerteams zu diskutieren, Anregungen zu sammeln und Ideen weiterzuentwickeln. Eingangs stellten die beauftragten Planerinnen Gedanken zu historischer und heutiger Mitte, städtebauliche, freiraumplanerische, verkehrliche und strategische Vorüberlegungen und Ideenskizzen zur Ortsmitte vor. Anschließend erläuterte Pfarrer Martin Burkhardt die Pläne der Kirchengemeinde.

Man muss anfangen

Danach teilten sich die Anwesenden in sechs kleinere Gruppen auf, die – jeweils begleitet durch eine Planerin oder eine Mitarbeiterin des Stadtplanungsamtes – in drei Etagen des Gemeindehauses diskutierten und skizzierten. Nach etwa 70 Minuten intensiver Arbeitszeit in den Gruppen wurden die Ergebnisse und Skizzen dem gesamten Auditorium vorgestellt.

Gruppe 1, vorgestellt von Herrn Barth

Öffentlicher Raum/ Freiraum/ Ortsbild. Als Problem wird erachtet, dass sich in Steinheim fast alle Flächen in privater Hand befinden. Man könne die Leute zwar animieren, auf ihren Flächen etwas zu verändern – gute Beispiele zu zeigen sei ein Weg (wie am gestrigen Abend). Doch man habe keine Gewissheit, was passiert. Öffentlicher Raum und Grünraum bekommen somit eine entscheidende Funktion. Die grüne Dorfmitte soll kein Stadtpark werden, sondern ländliche Themenaufgreifen: Streuobst, Blühwiese (Bienen), außerdem soll es Spielflächen geben. Das ursprüngliche Bild der Ortsmitte war durch Höfe mit Gärten und Obstgärtengeprägt, auch durch Zwischenräume. Die Großbäume, die Schatten spenden und Raum bilden, fehlen heute teilweise. Man muss aufpassen, dass Struktur und Bild des Ortes nicht verloren gehen.

Nutzungen. Ortsmitte heißt auch: Funktion! Weitere Funktionen in der Ortsmitte :Zehntstadel als kulturelle Mitte, Kirche als geistliche Mitte, Reaktivierung der „Krone“ für die Gastronomie, zudem Gesundheitszentrum und Betreutes Wohnen ggf. in einem Neubau.

Verkehr. Die Heimertinger Straße soll in weiten Teilen als Tempo-30-Zoneausgeführt und ein attraktiver Straßenraum für Fußgänger werden.

Gruppe 2, vorgestellt von Herrn Burkhardt

Öffentlicher Raum/ Freiraum/ Ortsbild. Vermerkt wurde als wichtige Achse in der Dorfmitte der öffentliche Raum zwischen Zehntstadel, an der Kirche vorbei hin zur Schule. Aber auch die kleinen, noch offenen und passierbaren Wege zwischen den Höfen verdienen Beachtung und sollten aufgewertet werden, um die Kleinräume wieder zu erschließen. Die Gruppe spricht sich deutlich dafür aus, die Grünfläche hinter dem Zehntstadel bis zur Europastraße hin ihrer Weite zu erhalten und nicht zu bebauen.

Nutzungen. Schwerpunkt der Nutzung liegt im vorderen Bereich der Achse mit Bäcker und Geschäften. Vermerkt wurden zudem Häuser im Privatbesitz, die durchihre Lage für die weitere Ortsentwicklung interessant sein könnten. Es wird angeregt, dass Stadt, Bürgerausschuss und ggf. er selbst als Pfarrer auf die Besitzerzugehen und alternative Nutzungsvorschläge unterbreiten. „Man muss zumindest einmal anfangen.“

Verkehr. Als ersten Schritt sieht auch diese Gruppe die Umgestaltung desöffentlichen Raums, der trennende Charakter der Heimertinger Straße mussüberwunden werden.

Gruppe 3, vorgestellt von Herrn Honold und Herrn Kern

Die Gruppe erarbeitete zwei Varianten. Die Variante „Alter Dorfkern“ sieht keine Bebauung der Grünen Mitte vor und präferiert eine qualitativ hochwertige Umnutzung der alten Höfe.

Öffentlicher Raum/ Freiraum/ Ortsbild. Es entstehen mehrere kleinere Plätze vorprägenden oder umzunutzenden Häusern, die räumlich-gestalterisch miteinanderverbunden werden könnten. Neben einer verkehrsberuhigten Zone könnte es kleinere Fußwege geben, die eine alternative Erschließung der zentralen Funktionenermöglichen.

Nutzungen. Prägende Elemente sind Kirche und Raiffeisenzentrum in der direkten Mitte, weitere Gebäude eignen sich für Nutzungen wie Bed & Breakfast oder Hofladen und Café. Auch an die Bäckerei könnten sich Café sowie Mittagstisch „anlagern“.

Verkehr. Verkehrsberuhigte Tempo-30-Zone mit Kleinpflasterung und angelagerten Parkplätzen.

Die Variante „Neue Mitte“ sieht einen Neubau als westliche Begrenzung der Grünen Mitte vor. Beim Konzipieren der Grünen Mitte muss stets der Eigentümer des dort befindlichen Anwesens eingebunden werden.

Öffentlicher Raum/ Freiraum/ Ortsbild. Das Zentrum der neuen Mitte bildet der Zehntstadel als Dorfgemeinschaftshaus mit Festplatz und Freiflächen. Der Festplatz wird erweitert, bekommt mehr Parkplätze. Um eine Verbindung von alter und neuer Mitte zu gestalten, wird auch hier ein kleiner Rundweg durch die Ortsmitte entlang der historischen Gebäudevorgeschlagen.

Nutzungen. Die Grüne Mitte umfasst Spielflächen, Boccia, Biergarten, den Festplatz des Zehntstadels. Ein weiterer Hof könnte beispielsweise Hofladen und Café aufnehmen.

Verkehr. Verkehrsberuhigte Tempo-30-Zone mit angelagerten Parkplätzen

Gruppe 4, vorgestellt von Herrn Griesinger und Herr Angele

Öffentlicher Raum/ Freiraum/ Ortsbild. Auch diese Gruppe spricht sich gegen einen Neubau im Bereich der Grünen Mitte und für die freie Westansicht von Steinheim aus: „Den Kirchturm muss man sehen. Es wird angeregt, die Grüne Mitte mit Streuobstwiese evtl. auch in Eigenleistung der Bürger zu gestalten: „Die Steinheimer stehen hinter ihrer Ortschaft“. Die uralten Birnbäume an der Heimertinger Straße sind ortsprägend, dieses herrliche Bild soll erhalten bleiben! Auch aus dieser Gruppe kommt die Anregung, dem „Gässele“ zwischen den Höfen Beachtung zu schenken. Einbeziehung des Amalie-Rehm-Denkmals in einen öffentlich gewidmeten Raum am Gemeindehaus. Der Straßenraum am Leichenhaus des alten Friedhofes sollte so gestaltet werden, dass man bei der Beerdigungszeremonie zusammen stehen kann und nicht durch vorbeifahrende Autos gestört wird.

Nutzung. Die Gruppe sieht die Etablierung eines Hofladens als kritisch und nur in Verbindung mit regionalen Produkten.

Verkehr. Es wird sich deutlich für eine Tempo-30-Zone auf der Heimertinger Straßez wischen Rotreiserstraße und Molkereiweg ausgesprochen, da dieser Abschnitt ein eentscheidende Rolle als Schulweg spielt. Im Zentrumsbereich soll der Gehwegabgesenkt werden. Außerdem soll am Zehntstadel eine Tempo-30-Zone eingeführt werden. Gebraucht werden zudem ein Geh- und Radweg zum neuen Friedhof und Parkplätze sowohl am neuen als auch am alten Friedhof.

Gruppe 5, vorgestellt von Herr Amann und Frau Seelemann

Öffentlicher Raum/ Freiraum/ Ortsbild. Diskutiert wurde die Dimension der Mitte; verzeichnet wurden Marktplatz sowie Festplatz am Zehntstadel. Baumalleen sollen entstehen und wichtige Großbäume beachtet werden.

Nutzungen. Zwischen Zehntstadel, Kirche und Raiffeisenzentrum soll ein kulturelles und wirtschaftliches Zentrum entstehen. Altersgerechtes Wohnen soll zentralgelegen sein, verschiedene Häuser könnten sich dafür eignen – es hängt von den Eigentümern ab. Der Marktplatz soll sich vor dem Raiffeisenzentrum befinden, wobei das Haus über so viele Wege wie möglich durchlässig gemacht werden sollte, um den Markt mit den dahinterliegenden öffentlichen Flächen zu verbinden. Die neuen Wohngebiete im Südwesten sollten in gerader Linie an die Straße angebunden sowie mit der grünen Mitte verknüpft werden.

Verkehr. Vorgesehen wurde eine verkehrsberuhigte Zone mit Parkplätzen.

Gruppe 6, vorgestellt von Herrn Wassermann

 Öffentlicher Raum/ Freiraum/ Ortsbild. Die Aufenthaltsqualität vor dem Raiffeisenzentrum könnte durch eine Verlegung der Parkplätze (in Bereiche hinter dem Zehntstadel) verbessert werden. Bei den Parkplätzen sollte über eine Doppelnutzung nachgedacht werden, da z. B. Geschäfte/ Gewerbe und Zehntstadel andere Stoßzeiten haben. Die Heimertinger Straße könnten Baumreihen begleiten.

Nutzung. Eingezeichnet wurden Höfe mit Potenzial für öffentliche Nutzungen und Synergieeffekte. Denkbar sind z. B. Bioladen, Antikhof, Gastronomie, Seniorenwohnen in Kombination mit Altenpflege, Kita und gemeinsamem Garten. Es wird empfohlen, den Bäcker um ein Café oder gastronomisches Angebot zu erweitern und den Garten als Freisitz zu nutzen. Es wird auch darauf hingewiesen, dass ein größerer Versammlungsraum (mit Gastronomie) fehlt. Auch der Gebäudekomplex der „Krone“ ist vorstellbar mit den genannten Nutzungen, da er direkt in der Ortsmitte liegt und ohnehin Renovierungsstau besteht. Der Bereich hinter dem Raiffeisenzentrum sollte für Spiel-, Sport- und Grünflächengenutzt werden, die auch für Familien mit Kindern und ältere Menschen attraktivsind (u. a. Beachvolleyball, Basketball, Spielgeräte).

Verkehr. Die Tempo-30-Zone soll auf den Schulweg ausgeweitet werden. In der Gruppewurde eine weitere Geschwindigkeitsreduzierung der Heimertinger Straße im Zentrumsbereich diskutiert. Der Durchgangsverkehr soll möglichst auf die Europastraße verlegt werden.

Ausblick: Auf dem Weg zum Handeln

Im Anschluss an die Beiträge aus den Gruppen fasst Moderator Prof. Stefan Rettichdie Ergebnisse zusammen und stellt diese erneut zur Diskussion. Im Fokus stehen neben der Lokalisierung der Ortsmitte die Frage, ob diese neue Mitte wesentlich über die bestehende Substanz oder aber über Neubauten gestaltet werden soll sowie die Frage, welchen Charakter ein neuer zentraler Freiraum annehmen könnte. Sichtbar werden unterschiedliche Haltungen, jedoch auch bestimmte vorherrschende Meinungstendenzen.

In Zusammenschau der erarbeiteten Skizzen ergibt sich folgendes Bild: Die Ortsmitte spannt sich zwischen Zehntstadel, Kirche, ehemaligem Gasthaus Krone und Gemeindehaus. Sie besitzt eine relativ kleine räumliche Ausdehnung und erstreckt sich in Richtung Ost-West in eingeschränktem Umfang über die Heimertinger Straße hinweg (vgl. Plan Zusammenfassung der Ergebnisse).

Ortsmitte bedeutet: Die Nutzungsintensität nimmt zu, Funktionen überlagern sich, es halten sich mehr Menschen auf. Über die Ortsmitte nachzudenken heißt auch, zu überlegen, wie vorhandene Mittel eingesetzt und konzentriert werden sollten, auf welche Weise und in welchem räumlichem Umgriff Akzente gesetzt werden können, wo angefangen werden soll.

Wichtige Magnete in der Ortsmitte Steinheims sind Zehntstadel und Kirche als relativ freigestellte Baukörper („weltliches“ und „geistliches“ Zentrum) sowie das Gemeindehaus mit Bibliothek. Unmittelbar an den Zehntstadel angrenzend ist ein Stadtplatz angedacht, der in Verbindung mit der angrenzenden Freifläche als besonderer Ort in dieser Mitte empfunden wird. Der Zehntstadel soll zudem mit der Grünen Mitte als Einheit verstanden werden, er braucht Platz. Weitere Treffpunkte sollen im gebauten Raum und im Freiraum geschaffen werden. Hierfür werden die „Krone“ und die unmittelbar anliegenden Höfe als besonders bedeutend empfunden. Für das Ortsgefühl spielen aber auch weitere Höfe eine wichtige Rolle, beispielsweise der denkmalgeschützte Hof „Schlösschen“. Wenn sich Aktivitäten in anderen Höfen abzeichnen, sollten diese unterstützt werden.

Einer Stärkung der Ortsmitte durch Wiederbelebung und Neunutzung der alten Höfe wird der Vorrang gegeben. Es wird eine Lösung favorisiert, welche sowohl die vorhandenen baulichen Ressourcen im Ortskern als auch den vorhandenen starken Grünbezug zur Landschaft nutzt. Die Ausbildung einer neuen Mitte über Neubau(ten) wird kontrovers diskutiert, jedoch letztendlich zugunsten der beschriebenen Lösung zurückgestellt. Die Ausbildung der Ortsmitte entlang der Straße („Straßendorf“) wird nicht bevorzugt.

In Bezug auf die Nutzung der alten Höfe ist für die Bürger Seniorenwohnen besonders interessant. Das betrifft insbesondere die zentral gelegenen Höfe und diejenigen, deren Substanz sich in schlechtem Zustand befindet und die ohnehin der Sanierung bedürfen. Gebraucht und gewünscht werden unter anderem aber auch ein Café, ggf. ein Laden mit regionalen Produkten, Räume für Dienstleistungen, Büros, Kleingewerbler, Freiberufler, Pflegedienste sowie im Freiraum Plätze zum Spielen und Toben.

Die Heimertinger Straße sollte mindestens vom Molkereiweg bis zur Rotreiserstraße als Tempo 30-Zone ausgebildet und im Bereich des Zentrums durch eine höherwertige, haptisch erfahrbare Gestaltung (Belagwechsel) weiter beruhigt bzw. umgestaltet werden. Die Lösung der Stellplatzfrage im Bereich des Zentrums wird als entscheidend betrachtet. Stadtraum sollte Aufenthaltsqualität und Gebrauchswert gleichermaßen besitzen.

Die Grüne Mitte kann an zentraler Stelle freien Blick, Weite und Bezug zur Landschaft mit Nutzungen verbinden und mit ihren Angeboten Neubürger und Alteingesessene, Jung und Alt vernetzen. Wichtig ist es, auch in diesem Bereich die Identität Steinheims als Dorf zu fördern. Die Grüne Mitte soll Bürgerpark mit eher ländlichem Charakter sein. Denkbar sind gemeinschaftlich nutzbare und zu pflegende Streuobstwiesen, die „Intarsien“, d.h. Einschlüsse intensiverer Freiraumnutzung und Gestaltungaufweisen, also gestaltete Funktionsbereiche mit spezifischen Nutzungen wie z. B.Festplatz oder Sport- und Spiel (Boccia, Ballspiele).

Ortsbildfragen werden als sehr wichtig erachtet. Die typischen Gebäude- und Freiraumstrukturen sind zu erhalten bzw. wiederherzustellen; der dörfliche Charaktersoll gepflegt werden. Neben der alten Bausubstanz sind den Bürger*innen die Anordnung von Großbäumen wichtig sowie die Frei- und Zwischenräume zwischen den Häusern, die Durchgänge und Gässle zwischen den Häusern, die Wiederaufnahme tradierter Freiraumtypologien. Hierfür ist auch der Raum vor den Gebäuden, wenngleich in Privatbesitz, wichtig. Zäune sollen nach Möglichkeit reduziert werden.

Nächste Schritte

Im Folgenden wird eine Rahmenplanung erarbeitet. Darauf aufbauend können Maßnahmen entwickelt und mit Prioritäten versehen werden. Soweit erforderlich, müssen Kontakte zu den Eigentümern aufgebaut oder verstetigt werden.

Zu den Möglichkeiten, das Ortsbild zu erhalten und zu formen, gehören das Festlegen eines Sanierungsgebietes mit klaren Sanierungszielen, das Etablieren einer Gestaltungssatzung (die Restriktionen einschließt) und das Erarbeiten von Bebauungsplänen.

Zu den eindrucksvollen Passagen des Vormittags gehört das in Mundart vorgetragene Gedicht von Manfred Angele – eine Hymne auf das Gässele seiner Jugend, das „Gässala Stoihois“. Die alten kleinen Fußwege gehören wie die Ortsmitte zu den Dingen, die Heimat bedeuten. Indem wir darüber sprechen, sind wir auf dem Weg, der zum Handeln führt.